Der Oger und das Märchen
Retten Ritter die holde Maid in Not, erschlagen sie Drachen auf ihrem edlen Ross und führen die Dame in ihr unsagbar schönes Schloss, auf dass sie ewig glücklich und zufrieden leben; dann, ja dann sind wir in einem Märchen. Ein Traumland voller Fabelwesen und Magie, Gut und Böse starr getrennt; schließlich braucht es einen Helden. Heldinnen allerdings sehen wir wenig. Schneewittchen wartet in einem Sarg aus Glas auf den Kuss der wahren Liebe, Dornröschen tut es ihr gleich in ihrem Turm hoch oben im Schloss, umzingelt von einer Dornenhecke – erinnert im Großen und Ganzen ein wenig an Rapunzel, oder etwa nicht?
Die Prinzessin als vermeintliche Antagonistin ist ebenfalls bekannt, bedenken wir den Froschkönig oder König Drosselbart, aber natürlich ist sie bloß zu Beginn der Geschichte eitel und gemein. Am Ende heiratet sie trotzdem ihren Geliebten, nachdem sie ihre Verfehlungen einsah und von Herzen bereute um mit ihrem Liebsten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage im Schloss zu leben.
Vor mehr als 200 Jahren, als die Brüder Grimm durch die Lande zogen und Volkssagen aufschrieben, war diese Art des Geschichtenerzählens neu und aufregend – ging es doch um Abenteuer und ein immerwährendes Happy End.
Ein ganz besonderes „Märchen“ aber kam 2001 in die deutschen Kinos: Der grüne Oger Shrek erfüllt keines der genannten Klischees, denn er ist gleichzeitig Bösewicht und Held seines eigenen Films, den man durchaus als wunderbar parodistisches Meisterwerk bezeichnen kann: ein vermeintlich hässliches, menschenfressendes Biest, für den die Rettung einer adretten, kampferprobten Dame bloß Inhalt der Vereinbarung mit dem tyrannischen Herrscher Lord Farquaad ist – bis er sich tatsächlich in Prinzessin Fiona verliebt. Shrek, dessen Name aus dem jiddischen „Shreck“ abgeleitet wurde und dem deutschen Wort „Schrecken“ entspricht, lebt zu Beginn des Films in seinem Sumpf und verlebt dort ein ruhiges Leben, Freunde oder gar eine gefestigte Identität, wie der Name schon zeigt, hat er nicht.
Nun, was macht den Film Shrek so wunderbar und wie werden klassische Märchen in ihm adaptiert und parodiert?
Die hervorragende Schauspielkunst der drei Hauptdarsteller*innen Mike Myers (Shrek), Cameron Diaz (Fiona) und Eddie Murphy (Esel) geht einher mit einer perfekt ausgewogenen Handlung in diesem Animationsfilm. Shrek pendelt in 87 Minuten zwischen Komödie, Action und Spannung – weder gibt es Sinnverfehlungen, noch überlange Kämpfe oder Szenen.
Meisterwerke zeichnen sich deutlich dadurch aus, dass sie auch nach mehrmaligen Betrachtungen niemals langweilig werden, immer wieder lassen sich neue Details entdecken und die Geschichte neu rezipieren. Genau das kann Shrek, denn er möchte kein Märchen oder Hollywood-Blockbuster sein, sondern das exakte Gegenteil; die Film- und Kulturindustrie (insbesondere Disney) mit überspitzten Darstellungen karikieren. So verbietet Shrek dem Esel immer wieder das Singen, was einen starken Kontrast zu den obligatorischen Gesangs-Duetten in Disney Animationsfilmen darstellt, oder Fionas Zwiegesang mit einem Vogel lässt das Tier nach einiger Zeit einfach platzen und die Eier werden zum Frühstück von der Heldin gebraten.
Weiterhin werden im Film gewohnte Märchenkonventionen immer wieder ironisiert, verschiedenste berühmte Figuren aus unterschiedlichsten literarischen und filmischen Werken in einer Welt vereint und somit intertextuelle und popkulturelle Bezüge geschaffen, während Shrek seine Reise hin zu dem Drachenturm beginnt, wo die Prinzessin bereits auf ihren Prinzen wartet um gerettet zu werden.
Das Publikum erlebt auf seinem Weg, der durchaus dem Aufbau eines klassischen Märchens gleichkommt (Held zieht aus um etwas zu erreichen, erlebt eine Wandlung, verliebt sich, meistert Herausforderungen / Kampf, heiratet die Geliebte), eine Wandlung des Protagonisten: es findet eine Reifung des ungewöhnlichen Märchenhelden statt, denn in einem langen Prozess gesteht er sich seine Liebe zu Fiona ein, seine Existenz als Oger hindert ihn jedoch zunächst daran ihr diese Liebe mitzuteilen, er hält sich nicht für würdig mit einer Prinzessin mithalten zu können.
Das zentrale Thema der Liebe, der Identität und dem eigenen Platz in der Welt ist hierbei besonders bedeutend, denn Shrek greift immer wieder die Frage nach der eigenen Körperwahrnehmung in Relation zur Gesellschaft auf. Shrek glaubt, Fiona könne ihn niemals lieben, da er kein stereotypischer Prinz ist. Zu diesem Zeitpunkt weiß er nicht, dass sie sich selbst des Nachts in einen Oger verwandelt – und die gleichen Ängste erlebt wie ihr Weggefährte.
Nun endet der Film auf überraschende Weise, denn es heißt ganz klassisch „bloß ein Kuss der wahren Liebe könne den Fluch lösen“. Shrek küsst Fiona, goldene Strahlen umströmen sie, heben sie in die Luft, nur um sie dann als Oger-Frau wieder zu Boden sinken zu lassen: Fiona hat sich nicht in eine wunderschöne Prinzessin verwandelt, sondern bleibt in ihrer grünen Gestalt. Es findet eine klare Aufhebung dessen statt, was in der bekannten Disney-Welt als „schön“ bezeichnet wird, denn das Schönheitsbild bei Shrek lautet: Sei wie du bist und du bist schön!
Nachdem der Fluch von ihr genommen war, spricht Fiona die Zweifel an ihrem Äußeren an, betrachtet sich selbst nicht als „schön“ woraufhin Shrek sie beschwichtigt und ihr vermittelt, dass sie eine schöne Oger-Frau sei:
Shrek: „Fiona? Ist alles in Ordnung?“
Fiona: „Ja schon. Aber ich verstehe das nicht. Ich müsste doch jetzt wunderschön sein!“
Shrek (seufzt): „Aber du bist wunderschön!“
Das große Filmfinale spielt also nicht nur mit Schönheitsidealen, sondern hebt die Frage der Identitäten ein letztes Mal hervor. Sowohl Shrek als auch Fiona können sich in ihrer Rolle als Oger wohlfühlen und sich zusammen mit den anderen Märchengestalten ein Leben im Sumpf aufbauen, Shrek ist am Ende also nicht mehr bloß ein „Schrecken“ ohne es eigentlich zu wollen, sondern findet seine Bestimmung in seinem Leben als liebenswerter Oger.
Diese Analyse bezieht sich ausschließlich auf den ersten Teil der Tetralogie. Selbstverständlich ist es eine andere Frage, ob die Kritik an Disneys Märchenadaptionen ebenso in den nachfolgenden Filmen gelingen kann.
Fest steht allerdings, dass der erste Teil wichtig ist, um sich mit dem Genre „Märchen“ in der Postmoderne neu auseinanderzusetzen. Reaktionäre Frauenbilder und statische, immer gleiche Handlungen lassen die Erzählungen schnell uninteressant für das junge Publikum erscheinen – insbesondere, wenn die Konkurrenz kurzlebige neue Medien im Wandel sind, wie die kleinen Filmchen auf TikTok oder die „Filmmaschinerie“ des Marvel Cinematic Universe. Es ist also eine Pflicht für die Filmindustrie Frauen stark und emanzipiert erscheinen zu lassen, psychische Erkrankungen anzusprechen und über Homosexualität zu reden, schließlich erfordere dies der Zeitgeist. Mit verstaubten Rollenbildern erreichen sie kein Publikum.
Genau das macht den Film Shrek so wunderbar. Er zeigt auf, dass es Disney und co. nicht um Aufklärung oder gar emanzipatorische Grundeinstellungen geht, wenn sie bekannte Geschichten neu inszenieren, sondern ausschließlich um Kommerz. Wie dieser erreicht wird, scheint erst einmal keine allzu große Rolle zu spielen, denn mit ihren großen Augen und den bunten Kostümen sind die Figuren einfach so liebenswert, dass ein differenzierter Blick auf die Themen überhaupt nicht nötig ist.
Shrek hingegen setzt sich damit auseinander wie weibliche Hauptrollen dargestellt werden und welche Schönheitsideale eigentlich in der Welt der knuffigen Animationsfiguren kursieren.
„Oger sind wie Zwiebeln. Sie haben Schichten“, erklärt Shrek in der ersten halben Stunde des Films. Sie seien nicht allein die menschenfressenden Monster, hätten viel mehr zu bieten.
Diese Erklärung lässt sich hervorragend auf die Machart des gesamten Films zurückführen: gräbt man sich durch seine Ebenen, ist es nicht mehr nur eine romantische Liebesgeschichte zwischen einem Oger und der Prinzessin, sondern zugleich Gesellschaftskritik und eine Veranschaulichung dessen wie Kulturindustrie eigentlich funktioniert; mit anschließendem Happy End im Schlamm und Dreck, wie Antimärchen es eben innehaben.