Was ist Heimat?

In diesem Post rezensiere ich das preisgekrönte Werk “Heimat” von Saša Stanišić.

Jedes Zuhause ist ein zufälliges: Dort wirst du geboren, hierhin vertrieben, da drüben vermachst du deine Niere der Wissenschaft. Glück hat, wer den Zufall beeinflussen kann. Wer sein Zuhause nicht verlässt, weil er muss, sondern weil er will.
— Saša Stanišić, Herkunft


Einen handgeschriebenen Lebenslauf soll Saša Stanišić bei der Ausländerbehörde einreichen, als er 2008 die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen will. In einer Tabelle zählt er die Schlüsselereignisse seines Lebens auf, nur um dann festzustellen, dass diese Fakten nicht sein Leben sind. „Ich wusste, die Angaben waren korrekt, konnte sie aber unmöglich stehen lassen“, notiert der Autor und beginnt ein ganzes Buch über sich, seine Familie und die Flucht zu schreiben, die er erlebte.  

Herkunft lautet der Titel dieses prämierten, klugen Werkes. Klug, weil er kleine Anekdoten seines eigenen Lebens mit Witz und Feingefühl in großen Erzählungen verpackt; klug, weil er die philosophische Frage nach der Definition von Herkunft zwar aufgreift, jedoch keine Ansprüche erhebt sie beantworten zu wollen. So balanciert Herkunft meisterhaft auf einem schmalen Grat zwischen Roman und Autobiographie.
Der Gewinner des deutschen Buchpreises 2019 zeichnet in seinem Werk ein detailliertes Bild von sich und den Menschen um ihn herum, stellt vielschichtige Charaktere vor, die das Herz sofort berühren. Als kreativ lässt sich der Schreibstil beschreiben, denn kein Kapitel gleicht dem anderen, wenn einmal Whatsapp-Nachrichten seiner Familie und dann die direkte Interaktion mit der Leserschaft Einzug in den Roman findet. „Ohne Abschweifungen wären meine Geschichten überhaupt nicht meine. Die Abschweifung ist Modus meines Schreibens“ erklärt er seinem Publikum.

Ein Leben und ein Krieg

Geboren im ehemaligen Jugoslawien der späten 70er Jahre, beschreibt der Autor essayistisch die Prägung eines Jungen durch Krieg und die Spaltung eines gesamten Landes.
Plötzlich musste er mit seiner Familie fliehen. Zurück blieben die Stadt Visegrad im heutigen Bosnien-Herzegowina, die geliebte Großmutter und Erinnerungen an die Kindheit.
Der Heidelberger Stadtteil Emmertsgrund ist für ihn ein vollkommener Gegensatz zu seiner alten Heimat. Deutsch zu lernen war zu Beginn eine schier unüberwindbare Hürde; und die neue Kultur sowieso.  Stanisic wiegt nicht auf, sondern stellt Vergleiche an zu seinem Geburtsort und der heutigen Wahlheimat, stellt jedoch fest, dass Herkunft die süß-bitteren Zufälle seien, die uns hierhin, dorthin getragen haben. Sie ist die Zugehörigkeit, zu der man nichts beigesteuert hat.                                        

 Poesie und Schreibkunst                          

Auf 360 Seiten werden schmerzhafte und fröhliche Erinnerungen, die Erzählungen vom Verlassen und Ankommen zu einem sprachlichen Kunstwerk verpackt. Sowohl die kurzen Kapitel als auch der wechselnde Erzählstil bieten die Möglichkeit sich vollends hinzugeben. Nur sehr schwer einzuordnen in Genre oder Stil ist dieser vielschichtige Text mit Zitaten von Eichendorff und Referenzen zu Fallada gespickt, deren Werke so essentiell in der Entwicklung des Jungen waren.       

Die Beschäftigung mit sich selbst und seiner Vorfahren gestaltet der Autor offen: Absolute Aussagen werden vermieden, ein Austausch zwischen den unterschiedlichen Kulturen angeregt. Die Grundmotive der Zerrissenheit, Ungewissheit und Angst vor dem Vergessen sind omnipräsent. "Welten vergehen, stellt man sich denen, die sie vergehen lassen wollen, nicht früh und entschieden in den Weg.“.
Zentral in seinem Werk ist Stanisics Großmutter. Beinahe eine Hommage an die demente Frau und zugleich ein Zeitzeugnis an die Oma, die sie einmal war. Sie wird zu der Protagonistin auserkoren, die Heldenreise bleibt jedoch aus, denn ein Ende gibt es nicht in Herkunft:

In seinem letzten Kapitel „Drachenhort“ werden die Lesenden zu Erzählenden, denn sie können den Fortgang der Geschichte selbst entscheiden, bestimmen die die Reihenfolge der Geschehnisse durch Blättern auf die entsprechende Seite.
Eine Autobiographie, Roman und ein wenig politische Einordnung möchte Herkunft sein. Sasa Stanisic schafft eine Erklärung, ohne eine Erklärung schaffen zu wollen, bietet einen interessanten Weg die Einordnung der eigenen „Herkunft“ als einen Prozess zu verstehen, der bloß Zuhören gelingen kann.

Lesenswert ist Herkunft allemal, ebenso wie anspruchsvoll und intellektuell hochwertig. Nicht bloß die eigene Familiengeschichte, gleich Weltpolitik wird hervorragend aufgearbeitet.  „Ich weiß weder, woher ich komme, noch wohin ich gehe. Und ich kann dir sagen: Manchmal ist es gar nicht so schlecht“, rezipiert Stanisic abschließend – denn was Herkunft bedeutet, oder nicht bedeutet, ist nur ein Nebenschauplatz in der großen Erzählung des eigenen Lebens.

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Kapitalismuskritik in der Postmoderne