Der Fleck
Ein winziger Gedanke, ganz hinten rechts in der Ecke, ohne ausgesprochen zu werden. Denn er ist ihr unangenehm. So unangenehm peinlich, dass sie es beinahe als obszön bezeichnen würde, überhaupt von Mauern zu sprechen. Oder von Bränden. Zusammengenommen muss es eine Ausgeburt der Hölle sein, denkt sie, während ihr Latte Macchiato überschwappt und hässliche braune Flecken mitten auf ihrem Oberteil hinterlässt.
„Scheiße“, murmelt sie, doch die Flecken werden nie verschwinden. Der Barista mit dem komischen Akzent hat sowieso nicht kapiert, was sie eigentlich will.
Mauer und Brand und nicht mit dir und du bist sowieso die Nazi-Schlampe geht ihr rasend durch den Kopf. Dem hat sie‘s gezeigt. Die Anzeige ist fett. Sie als Schlampe zu betiteln, was fällt dem ein?
Eine Achterbahn innerhalb ihres Cerebrums, erst gemächlich tackernd, bevor unzählige Menschen zu kreischen beginnen und im Looping ihren Kopf verlieren. So fühlt es sich an. Irgendwie. Und sie darf Cerebrum sagen, immerhin hat sie studiert.
Hinter dem Gebäude mit ihrem kleinen Büro sieht sie es, das Ding, das sie nie so recht verstanden hat. Ein riesiger Koloss aus Stacheldraht, mindestens so hoch, bis es die Wolken berührt und so lang, dass es mindestens die Erde umrundet. Seine glühenden Augen scheinen ihr zu folgen, dringen in ihren Leib und scheinen sie innerlich zu verkohlen. Rabenschwarz wird ihre Seele im Angesicht des Feuers, brodelnd ihr Blut.
Lichterloh brennend züngeln sich rot-gelbe Flammen durch das löchrige Konstrukt, alles verschlingend was auch nur ein wenig nahekommt.
Dahinter? Zugegeben, das weiß sie nicht, denn sie hat es nie gewagt auch nur einen Schritt in diese Richtung zu gehen. Sie bleibt lieber dort, wo sie ist, auf der sicheren Seite mit der schönen Welt ohne Menschen mit komischem Akzent, ihren Vorstellungen und dem täglichen Cappuccino. So hat sie es von ihrer Mutter gelernt und die muss es ja wissen, hatte schließlich stolz ihr Mutterkreuz über dem Kamin.
Bis heute. Heute wurde es der Latte.
In ihrer Wohnung angekommen atmet sie ein paar Mal durch. Alles ist eng geworden. Ihre Bluse, die Hose, der Gürtel, das Schlafzimmer, indem ihre Frau Gemahlin noch so friedlich schlummert und der ellenlange Flur, durch den sie sich drängen muss, um überhaupt einen Fluchtweg aus dieser verstörenden Welt zu ergattern.
Sie grinst. Flucht. Gabs da nicht mal was? Hatte sie doch Recht mit ihren Kopftuchmädchen! Die sehen eh alle gleich aus, schnurrt sie verbissen.
Der braune Fleck, im Zentrum ihres Seins, geht ihr nicht aus dem Sinn. Heiß und unförmig zerstört er den lupenreinen Anschein, den sie sich so krampfhaft bewahrt.
Der Spiegel ist ihr Feind, deswegen blickt sie so gut wie nie hinein.
Die Umhängetasche knallt sie achtlos auf das frisch geputzte Laminat.
Scheiße. Da war ihr Laptop drin, neu gekauft vor einem halben Jahr. Neuer Job, neuer Laptop, neue Ideologie. Oder so. Zumindest mehr Gehalt auf dem Konto, genau: 11227,20€.
Aufgeklappt und untersucht stellt sie fest, dass das Ding, mit dem sie all ihre Ergüsse Publik macht, einen Riss in der Scheibe hat. Tief gespalten also blick sie in die schwarze Leere des Bildes und in sich selbst, verzerrt. Ihr Lid beginnt zu zucken, die Lippen beben und ihr Herz vermag nicht länger ihren regungslosen Körper zu bewohnen. Das ist nur der Kaffee, entsinnt sie sich schließlich und glaubt die falsche Wahrheit.
„Ja natürlich ist er kaputt!“ Mit schriller Stimme kreischt sie in ihr nagelneues Telefon. Sie bestand darauf, dass jede Nachricht, jeder Anruf, jede Voicemail und jeder Spam akribisch von dem Mann mit den zurückgegelten Haaren überprüft wird, den sie für viel Geld hatte einstellen wollen.
„Ist okay, vom Geld haben wir mit meiner Anstellung genug“, argumentiere sie damals, während ihre Frau noch ihre Reise nach Sri Lanka plante, Arm in Arm und danach leidenschaftlicher Sex.
So kann sie nicht arbeiten.
Der Mitarbeiter schweigt lange. „Hast du mal probiert ihn an und wieder auszuschalten? Akut kann ich mit nix anderem helfen.“
Jetzt schweigt sie und sieht vor ihren Augen die riesenhafte Mauer sich vor ihr auftürmen, ein Gigant, der sie verschlingt, sie und alle ihre Unterstützer. Das brodelnde Blut erschwert ihr das Atmen. Sie schluckt ein Ibuprofen gegen die hämmernde Achterbahn in ihrem Schädel. Immerhin muss sie sich nicht rechtfertigen. Für nichts, denn sie hat es an die einsame Spitze geschafft. Innerlich feiert sie sich, wie immer, denn das Leben ist schön.
Wortlos legt sie auf. Sie sieht es als Stärke, andere bezeichnen sie als abgekapselt, weltfremd, es gibt Lieder über sie und ganze Folgen irgendwelcher Podcasts, zu denen sie nur eingeladen wird, weil alle sehen wollen, wie tief sie fallen kann. Tablette Nummer zwei in weniger als 10 Minuten. Ein Jammerland, denkt sie. Peinlich denkt sie, drückt den Knopf der Jura-Maschine mit all den Funktionen, die sie sowieso nie nutzt, aber gerne hat. Heute wird sie Elon treffen. Ein Stückchen weiter oben auf der Leiter. Und nicht mehr ganz so brodelnd rubbelt sie an ihrem braunen Fleck, der sich nicht im Geringsten verändern lässt.