Propaganda und film

Eine Analyse anhand von "Triumph des Willens", "Nightmail" und "Turbine 1"

Johlend und jubelnd stehen sie am Rande einer Flugbahn – Menschen die nur auf einen warten, gen Himmel starrend, als wäre er von Gott gesandt.

Und doch wird er später die Hölle auf Erden entfachen.

Die Menge tobt, hebt den rechten Arm hoch in die Luft und skandiert ihr immergleiches „Heil Hitler“.

In einem schwarz-weiß aufgenommenem 35mm engen Bild, das Scheuklappen nicht unähnlich sieht, inszenieren der Diktator und seine allerliebste Regisseurin, Leni Riefenstahl, in „Triumph des Willens“ Propaganda. Zeltlager werden aufgestellt um Hitler und sein Gefolge in das Mikrofon brüllen zu hören; das wollen schließlich alle. So zumindest lässt Riefenstahl die Bilder inszenieren.

 

Bestrebt ein*e Herrscher*in ein bestimmtes Ziel, so ist Propaganda wie diese das erste Mittel zur Wahl.

Man nehme eine Priese politische Agenda, vermische diese mit einem guten Schluck Manipulation, garniert mit gelenkter Weltanschauung, einer Portion Feindbild und serviere die pikante Agitation durch Massenmedien.

Ein Charakteristikum für Propaganda ist sicherlich die Vermischung – und ja, oft Verwechslung- von Meinung und Information. Die Bedeutung kommt nicht von ungefähr: wie immer aus dem lateinischen „propagier“ abgeleitet, kann Propaganda ebenfalls „Verbreitung“ bedeuten.

Während Hitler sich 1936 durch die olympischen Spiele bei der internationalen Gemeinschaft anbiedert, zunächst mit erschreckendem Erfolg, verlässt ein nächtlicher Postzug dampfend und pfeifend den Güterbahnhof in London Richtung Edinburgh und Aberdeen. Mitglieder der Filmabteilung des General Post Office sind, zusammen mit vierzig Postboten, ebenfalls an Bord. Ein Kunstwerk des Realismus will John Grierson schaffen; die Ehrung der industriellen Revolution. Und der Zug? Ein Symbol für Verbindung von Stadt und Land, für Kommunikation und progressiven Handel in Großbritannien.

Obige Kochanweisung findet hier nur sehr bedingt Anwendung – „Nightmail“ soll niemanden manipulieren, kein Feindbild anderer erschaffen. Als propagandistisch ist er trotzdem zu bezeichnen, denn schließlich sind ethische Bestrebungen nicht ausschlaggebend dafür, was Propaganda ist und was eben nicht. Der Film verfolgt eine klare Linie, er möchte keine politische Ideologie lancieren, sondern einen Blick auf technologische Errungenschaften werfen und zelebrieren.

Im weiteren Verlauf der Geschichte, benannter Diktator seiner selbst zugefügten Wunden längst erlegen, findet Propaganda dann und wann immer noch ihre Anwendung.

Karl Gass' "Turbine 1" feierte 1953 seine Prämiere und den technischen Fortschritt der Sowjetunion. Arbeiter reparieren eine Turbine mit Leck in unmöglicher Rekordzeit – ein Spoiler ist das nicht, denn die Version der Zukunft, der gepriesene Fortschritt, wird hier propagiert, Ähnlichkeiten zu „Nightmail“ sind auffallend.

Ganz im Sinne von „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“ lässt sich obiges Rezept beliebig abwandeln: eine Tasse positive Ziele statt dem Schluck Manipulation; die Gesellschaft soll schließlich vorankommen in der isolierten Union.

Gewiss ist hier die Menge, der Einheitsbrei, wie die timonische Tretmühle der Nationalsozialisten und, besonders besagter Tyrann, kein Thema. Es sei die Kraft der Arbeiter im positiven Kollektivismus, die wohl ein kleines Wunder vollbringen; entgegen des kapitalistischen, egoistischen Klassenfeindes im Westen.

 

Ideen wollen verbreitet und Überzeugungen geteilt werden. Massenmanipulation ist das Stichwort bei Riefenstahl, Autoritarismus und die Überhöhung Hitlers eine sich wiederholende Prämisse ihrer Filme. Dem gegenüber steht „Nightmail“. In ähnlichen Zeiten gedreht und geschnitten, hat er doch erhebliche Unterschiede vorzuweisen. Die Zusehenden sollen stolz auf den technologischen Quantensprung dieses Zuges sein; immerhin wurden mechanische Vorrichtungen entwickelt, um Post abzuladen und aufzunehmen. So gelingt es, den Fortschrittsglauben der Rezipient*innen zu stärken.

„Turbine 1“ funktioniert ähnlich, allerdings zwanzig Jahre in der Zukunft unter anderen Gegebenheiten. Die deutsche demokratische Republik möchte sich etablieren, versucht „positive“ Propaganda zu streuen, um Zusammenhalt zu schaffen – hier jedoch nur unter denen, die der SED stets den Rücken stärkten.

 

Propaganda ist ebenso facettenreich wie ihre Puppenspieler: Der Grat zwischen Manipulation und Inspiration ist gewiss ein schmaler, und achtet man nicht darauf wo man hintritt, kann es passieren, dass am Ende eine Suppe entsteht, die der Demokratie durchaus ernsthaft schaden kann. So ist es stets von hoher Signifikanz die Intentionen einer jeder Filmemacherin und eines jeden Filmemachers genaustens zu hinterfragen und die eigene Urteilsfähigkeit nicht zu vernachlässigen.

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