Von salat schrumpft der bizeps
Zumindest seit Social-Media ist gesellschaftlicher Diskurs nicht mehr alleine den Intellektuellen vorbehalten, denjenigen die wohl Ahnung von der Welt haben müssen, weil sie schließlich irgendwann einmal studierten. Im Gegenteil: mindestens seit Social-Media ist die demokratische Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Themen ein Phänomen Aller geworden. Ein Thema audiovisuell zu bearbeiten oder sich - in irgendeiner Form - selbst zu inszenieren, ist besonders bei denjenigen verbreitet, die, seit sie in den Kinderschuhen steckten, wissen wie Instagram, YouTube und Co. funktionieren.
Ein zentraler Aspekt dieser gesellschaftlichen Auseinandersetzung ist die Frage nach Geschlechteridentitäten, wer wir sind und vor allem aber die Frage, wie viel Geschlecht sozial gemacht und wie viel eigentlich biologisch ist. Die Ernährung, insbesondere bezogen auf Fleischkonsum, kann hier eine besonders interessante Fragestellung sein. Wer ernährt sich wie, warum? Wie wird Ernährung in unserer mitteleuropäisch-westlichen Gesellschaft bewertet?
Der zweite Teil meiner “Vegan-Reihe” beschäftigte sich mit den Gedanken eines Mannes über den Konsum von tierischen Produkten. Zunächst verabscheut er Veganismus, hält es für einen Trend, der sowieso nur denjenigen vorbehalten ist, die in der linken “woken Bubble” ihr Unwesen treiben. Doch am Ende wird ihm klar, wie sehr er Tiere eigentlich liebt. Er entscheidet sich, das Fleisch einen Abend lang wegzulassen. Nur einmal - es kostet ihn Überwindung. Habe ich mit diesem Text ein Klischee verarbeitet? Der weiße, deutsche Mann, der es nicht ertragen kann, dass er nun voll und ganz auf Fleisch verzichten soll, weil er sonst in seiner Männlichkeit verletzt ist?
In diesem Artikel möchte ich mich mit Männlichkeit und dem Fleischkonsum intensiv beschäftigen. Es soll um eine ehrliche Auseinandersetzung mit meinem vorangegangenen Text sein, eine Analyse darüber, was das Essen von Fleisch eigentlich bedeutet.
Fleischkonsum und geschlecht wissenschaftlich beleuchtet
Die Tatsache, dass Männer im Schnitt mehr Fleisch konsumieren als Frauen, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Die sogenannte “Nationale Verzehrsstudie II”, durchgeführt vom Max-Rubner-Institut, ein Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel, im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, befragte 20.000 Bürgerinnen und Bürger zwischen 14 und 80 Jahren in allen Teilen Deutschlands. Veröffentlicht wurde sie schließlich 2008. Während Männer in dieser Studie etwa 103 Gramm Fleisch pro Tag essen, sind es bei Frauen nur etwa 53 Gramm pro Tag (Max Rubner-Institut, Nationale Verzehrsstudie II. Ergebnisbericht, Teil 2. 2008, S. 44.).
Rein statistisch gesehen, stimmt die Vermutung also, dass Fleisch und Männlichkeit zumindest in Verbindung zu bringen sind. Selbstverständlich stellt sich nun die Frage, wie diese Zahlen gesellschaftlich einzuordnen sind.
Stark und Schwach
In meiner Kurzgeschichte definiert sich Meino über seine Ernährungsweise. Er liebt Fleisch, isst es um alle nötigen Eiweiße zu sich zu nehmen. Seine Lebensweise ist bewusst, sie ist auf seinen Körper angepasst; schließlich möchte er so trainiert wie möglich sein. Martin Winter schreibt in seinem Artikel “Fleischkonsum und Männlichkeit” der Rubrik APuZ (Aus Politik und Zeitgeschichte) der Bundeszentrale für politische Bildung über das Symbol der Stärke im Zusammenhang mit dem Fleischkonsum:
“Die in der Industrialisierung entstandene Verbindung von Kraft und Stärke, Fleisch und Männlichkeit hat sich demzufolge durch das Einschreiben in habituelle Handlungsmuster in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kulturell stabilisiert” , weiter ergänzt Winter:
“Die Rolle, die Fleisch in der Konstruktion von Männlichkeiten einnimmt, unterscheidet sich folglich stark nach der jeweiligen Klassenposition. Je höher die Position, desto stärker nimmt die Wichtigkeit der Fleischmenge ab und die Qualität beziehungsweise das symbolische Prestige des verzehrten Fleisches zu.”
Demzufolge ist die Rolle des Fleischverzehrs in der Historie relevant für die Verbindung mit männlicher Stärke: wer hart arbeitet, sei es auf der Baustelle oder Lagerarbeiten, benötige viel Eiweiß (also Fleisch) um die Energie zu halten. Harte Arbeit wiederum wird immer noch häufig als männliche Arbeit betrachtet.
Das folgende Youtube-Video ist ein Beispiel dafür, wie sich das Fleischessen mit Status verbinden lässt:
Santi Vlogs: Das erste mal NUSRET - so teuer🤑#Shorts, 01.06.2022. {Youtube}. https://www.youtube.com/watch?v=mJ62u8GZBtk&ab_channel=SantiVlogs
Die jungen Erwachsenen schaffen sich somit eine Zuhörerschaft und inszenieren sich selbst alleine durch den Konsum von Fleisch. Nusret Gökçe ist Fleischer, Koch und Gastronom. Er arbeitet in dem luxuriösen Sternerestaurant Nusr-Et in Dubai. In sozialen Medien sind es gerade junge Männer, die ihren Status dadurch ausdrücken möchten dort ein vergoldetes Steak zu essen; so wie es vor einigen Jahren der berühmte Fußballer Franck Ribéry bereits getan hat; dies war eine Werbeaktion des angesprochenen Kochs.
Hier kommt die jeweilige gesellschaftliche Klasse zum Tragen: wer viel Geld hat, leistet sich selten teures Fleisch. Menschen, die nur von sehr wenig leben müssen, leisten sich Fleisch eher über Discounter. Billig und, da es meist satt macht, sehr oft.
Unser Protagonist in “Überwindung” möchte sich Fleisch leisten, auch wenn er eigentlich nicht über die Mittel verfügt sich das teure Fleisch leisten zu können.
Schlussendlich hat die Ernährung also eine hohe Relevanz für die Frage, welches Bild Menschen subjektiv, jedoch auch in die Öffentlichkeit hinein, von sich selbst zeichnen möchten. Fleisch bedeutet auf der einen Seite Status, auf der anderen wird der Verzehr moralisch beanstandet.
Fleisch ist Macht
Meino ist zuweilen ein aggressiver Mensch. Er möchte die “Hippies” in seiner Wut körperlich verletzen. Sein Leben ist klar strukturiert; er weiß ganz genau, wann er was isst. Die Tatsache, dass lebendige Wesen für den Genuss von Fleisch sterben müssen, kann also als Ausdruck von Macht interpretiert werden, die der Mensch über ein anderes Wesen ausübt. Möchte man weitergehen, könnte man ebenso das “in sich einverleiben” als Akt der Macht bezeichnen, eine Macht über die Natur und die ihr innewohnenden Lebewesen.
Besondere Macht übten bisher vorwiegend Männer aus.
Durch feministische Debatten und Bewegungen ist die gesellschaftlich gefestigte Macht der Männer (zumindest in unseren westlichen Kulturen) stark in die Kritik geraten. Frauen erkämpfen sich ein Ende des Patriarchats, stellen Strukturen in Frage. Eben diese Macht ist es, die wir Menschen, jedoch besonders Männer, über die Tiere ausüben, wenn sie sich dazu entscheiden sie zu töten und zu essen.
Und Meino?
Natürlich wäre es verwerflich mit Meino eine Schablone für alle Männer dieser Welt schaffen zu wollen. Jeder Mensch ist auf seine Weise einzigartig, mit seiner oder ihrer speziellen Meinung und Persönlichkeit. Doch anhand der oben gezeigten Daten und Interpretationen des Fleischkonsums, versuche ich Meinos Ängste und Bedürfnisse als Mann, geboren in einer solchen westlichen Gesellschaft, zu skizzieren ohne ihn einem Klischee zu unterwerfen. Das Essen von Fleisch bedeutet mehr, als der bloße Genuss oder den bloßen Überkonsum. Das Essen von Fleisch ist ein symbolischer Akt.
Es soll nicht darum gehen, Menschen zu verurteilen die den Fleischkonsum zelebrieren, die Fleisch lieben und sogar sagen, dass sie Fleisch brauchen. Es geht darum aufzuzeigen, wie schwer es eigentlich sein kann, Gewohnheiten zu ändern, insbesondere wenn sie schon immer vorgelebt wurden.