Überwindung

Inmitten des hektischen Treibens der Großstadt steht er nun, stocksteif und mit puterrotem Gesicht. Die Hände zu Fäusten geballt. Vor ihm ragt das Werbeschild des Discounters auf, den er schon seit Jahren regelmäßig besucht um alles zu kaufen, was man nun einmal als junger Mann zum Leben braucht. Jung, Mitte 40.

Sein Herz scheint sich zu einem Klumpen zusammenzuballen, zu einem Klumpen voller Blut und was da halt sonst noch ist. Er wandert seinen Hals nach oben, schneidet ihm die Luft ab. Der Klumpen bleibt im Kehlkopf stecken. Nun klopft es in seinem Kehlkopf. Meino schluckt. Sein Kehlkopf-Herz pocht vor Wut.

Bis vor wenigen Minuten war er noch zufrieden mit sich gewesen, weil er immer gut gegessen hatte. Sein ganzes Leben lang achtete er auf seine Ernährung.

Montags: Morgens Rührei und Speck. Aber nicht zu lange gebraten! Mittags Reis mit magerem Hühnerfleisch. Gemüse mag er nicht, das hat er als Kind schon einmal versucht. Abends genehmigt er sich ein Brot mit Lachs - dafür reicht das Geld. So und so reicht das Geld für gutes Essen, egal wie wenig er eigentlich hat. Unter dieser grellen Sonne, an diesem schönen Sommertag, ist es sowieso gefährlich kein Geld zu haben. Es duftet nach Würstchen die an einem Imbisstand gebraten werden. Meino hat Hunger. Er hätte gerne eins der Würstchen.

In der Nähe verteilen vorlaute Jugendliche bunte Flyer für irgendwas. Meino starrt die Werbetafel an. Am liebsten würde er diesen elenden Hippies da drüben, mit ihren dummen Flyern, ins Gesicht schlagen. Manchmal hat Meino solche Gedanken. Aber nicht sehr oft.

Dienstags: Die Woche ist noch taufrisch, doch um die Ecke, da wo seine Wohnung steht, ist ein hervorragender Döner-Laden. Da ist er Stammgast und bestellt sich immer das gleiche: Döner mit Fleisch, Joghurtsoße. Aber ohne Gemüse. Nur ein bisschen Kraut. Das für sein schlechtes Gewissen und jeden Dienstag, seit Jahren.

Mittwochs: Mittwoch ist Schnitzeltag. Schon immer gewesen. “Eß immer schee dei Fleesch! Dann wersch gruus un staaark”, hat die Mutter damals gesagt. Recht hatte sie. Aber vielleicht liegt es auch am vielen Sport - schließlich trainiert er vier Mal in der Woche. Auf seine zwei Meter kommen schon ganze hundert Kilogramm Muskelmasse!

Er ist stolz auf dieses Gewicht. Kein Gramm Fett an seinem Körper.

Donnerstags: Essen im Steakhouse mit Wolf. Sonst sieht er den ja kaum noch, wenn sie sich nicht zum Essen verabreden. Manchmal gehen sie auch zusammen etwas trinken, das aber selten. Wolf hat immer so viel zu tun. Er arbeitet jetzt in einem ähnlichen Discounter wie der einer ist, vor dessen Plakat Meino jetzt steht - oder so. Meino interessiert sich nicht dafür.
Letzte Woche waren sie nicht im Steakhouse, die Woche davor auch nicht.
Aber sonst gehen sie immer dort hin. Dann bestellt sich Meino immer das gute Steak - Rumpsteak aus dem jungen, herzhaften Rinderrücken mit kleinem Fettrand. Den Fettrand isst er aber nicht. Den lässt er jedes Mal zurückgehen. Dann bekommt er Rabatt. Den Trick hat ihm Wolf einmal gezeigt.

Meinos Blick wandert auf dem Werbeplakat hin und her. “Vegan” schreit ihm in grellgrüner Schrift entgegen. Drumherum Kitsch. Herzchen, Würstchen die aussehen wie Würstchen, aber bestimmt nicht so gut riechen wie die, die sie gerade irgendwo dort hinten grillen. “Ein Herz für Tiere” auf dem unteren Rand des Plakats. Seine Nasenflügel beben. Das ist Nichts für ihn!

Meino mag Tiere. Er hat selbst hat einen Goldhamster, Minnie III. Er findet, sie sieht etwas aus wie Minnie-Maus. Die fand er als Kind immer klasse. Deswegen heißen alle seine Hamster Minnie. Auch die männlichen. Das ist ihm egal, schließlich sehen die sowieso alle gleich aus, oder?

Freitags: Meino kocht sich Spaghetti mit einer Bolognese. Nudeln mag er eigentlich nicht. Er will nur nicht immer Kartoffeln oder Reis essen. Abwechslung muss einfach sein, denkt er. Heute will er sich auch ein Bier dazu kaufen. Ausnahmsweise.

Seine Gedanken springen zu dem schrecklich grünen Wort auf der riesigen Tafel. “Vegan”. Abwechslung muss sein, aber so?! Seine geballten Fäuste tun weh, er vergräbt seine zu langen Fingernägel in der Haut. So nicht!

Meino mag Tiere. Eine Kuh lächelt ihm künstlich auf dem ollen Plakat entgegen. Meino mag Tiere. Aber sein Fleisch, seinen Käse, seine Milch, seinen Joghurt, seine Pizza, seine Sahnetorte mag er mehr. Auch wenn er nur selten Sahnetorte isst. Zu besonderen Gelegenheiten, wenn überhaupt.

So nicht! Er ernährt sich schon seit er denken kann wie es ihm beliebt. Gut. So, dass er Muskeln zunimmt. Keine Pommes zu dem Schnitzel, oder zu dem Steak. Nur Fleisch. Das hat viel Eiweiß. Das braucht er. Und jetzt?! “Go vegan!”, brüllt das Plakat. Meino brüllt zurücK: “Fick dich!” Die Hippies werden auf ihn aufmerksam. Scheiße.

Aber Meino mag Tiere. Er mag Tiere wirklich sehr. Einmal hat er eine Ziege gestreichelt. Es tat ihm damals leid zu wissen, dass sie irgendwann den Magen eines Mannes füllen würde, wie er es ist.

Ein Hippie kommt rüber. Er sieht aus, wie einer dieser Jugendlichen die Meino Geld abschwatzen wollen, bestimmt für eine dieser vielen Organisationen, die es da so gibt. Menschenrechte und so, schon klar. Dafür hat er aber kein Geld. Lieber gutes Essen.

“Das Plakat ist hässlich”, spricht ihn der Hippie an. Meinos geballte Fäuste entspannen sich ein wenig, sein Kehlkopf-Herz pocht nicht mehr so arg schlimm. Das hätte er nicht gedacht.

“Sie essen gerne Fleisch und Tiere und so, oder?”, erkundigt sich der Hippie weiter.

“Schon”, antwortet Meino.

“Mögen Sie Tiere?”, fragt der dumme Junge. Dumm, weil dumme Frage. Wer mag keine Tiere?

“Ich lass’ mir nichts verbieten”, grummelt Meino. Er will nicht mehr reden. Aber die Kuh auf dem Plakat starrt ihn weiter an mit ihrem dummen Grinsen. Die will ihn doch verschaukeln, ihm ein schlechtes Gewissen machen. So wie Ellie immer. Die macht das. Die isst keine Tiere mehr. Schon seit Jahren. Verrückt.

Er kennt die Probleme. Da werden Schweine geschreddert und Küken geschlachtet, manchmal wird denen das Fell über die Ohren gezogen.

Meino mag Tiere. Aber, dass die geschlachtet werden mag er nicht. Der Klumpen in seinem Hals verengt sich. Schlucken ist schwer geworden.

“Müssen Sie nicht. Ist n’ Vorschlag”, der Hippie hält Meino einen Flyer hin. So bunt ist der gar nicht. Nur ein bisschen. Da steht nicht viel drauf. Nur, dass es gut wäre keine Tiere mehr zu essen. Das stimmt. Meino mag sein Fleisch, seinen Käse, seine Milch, seinen Joghurt, seine Pizza, seine Sahnetorte. Das Plakat brüllt “Go vegan” und Meino ist sauer.

Er stapft in den Supermarkt. Heute gibt es erst einmal Tomatensoße. Das Hack will er nicht.

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Von salat schrumpft der bizeps

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Wenn wir Tiere töten - Ein Statement